Zur Russland-Berichterstattung der Nordsee-Zeitung – Ein Offener Brief von Ingo Mittrowann…

16. Juli 2015

Seestadtpresse Bremerhaven – Der Seestadtpresse-Leser Ingo Mittrowann berichtet, dass am Montag, dem 6. Juli 2015, die Autorin Gabriele Krone-Schmalz zu einer Lesung in Bremerhaven war. Veranstalter war der Förderverein der Humboldtschule in Zusammenarbeit mit der Buchhandlung Huebener.

„Die Veranstaltung war für mich überraschend stark besucht. Eine volle Aula mit über 400 Menschen ist schon recht beachtlich“, schreibt Ingo Mittrowann.

ABER: „Unser Heimatblatt hat bis heute nicht über diese Veranstaltung berichtet. Ich habe der Redaktion jetzt einen Brief geschrieben, weil ich meine, dass man so etwas nicht unwidersprochen lassen darf.“

Es folgt der Brief im Originalton.

„Sehr geehrte Damen und Herren,
stellen Sie sich vor, über 400 Bremerhavenerinnen und Bremerhavener gehen zu einer Veranstaltung und die Nordsee-Zeitung kriegt es nicht mit. Unvorstellbar, oder ? Kann ja eigentlich auch nicht sein, da besagte Veranstaltung zweimal in der NZ – klein, aber immerhin – angekündigt wurde. Das ist natürlich auch wieder nur zum Teil richtig. Am 25. Juni hieß es: „Krone-Schmalz erklärt Russland“. Am 6. Juli dagegen: „Krone-Schmalz zum Ukraine-Konflikt“. Beides war falsch. Soweit also alles ganz normal oder zumindest im Rahmen des Gewohnten.
Nun habe ich über eine Woche auf einen Bericht der NZ über die Veranstaltung gewartet. Ein Interview war meine Minimalerwartung. Fehlanzeige. Nichts. Bisher bin ich davon ausgegangen, dass ich durch die NZ über regionale Ereignisse informiert werde. Darum bin ich immer noch Abonnent und zahle inzwischen (einschl. ePaper) jeden Monat 36,85 € dafür. Für andere Bereiche bräuchte ich die NZ im Grunde nicht. Dafür gibt es genügend andere Quellen, die ich ohnehin nutze.
Wenn ich nun davon ausgehen muss, dass über durchaus bemerkenswerte Veranstaltungen in Bremerhaven nicht berichtet wird, komme ich ins Grübeln. Ist das der Normalfall, von dem ich sonst nur nichts mitbekomme ? Liegt es am Inhalt ? Es wurde ja weder Russland erklärt – was auch immer man sich darunter vorstellen soll – noch der Ukraine-Konflikt analysiert. Beides ist auch nicht das Thema des Buches von Frau Krone-Schmalz, um das es in der Veranstaltung ging. Sie unterzieht darin das Verhalten der Medien in Bezug auf Russland im Zusammenhang mit dem Ukraine-Konflikt einer sachkundigen, kritischen Überprüfung. Mein Urteil „weitestgehend widerwärtig“, habe ich nach der Lektüre nicht revidiert. Vielleicht wäre ein Redakteur der NZ bei dem Vortrag ja zu einem anderen Urteil gekommen. Vielleicht hätte er aber auch  angefangen die Berichterstattung seiner Zeitung auf diesem Feld kritisch zu hinterfragen. Wer weiß?
So oder so: Vertrauen schafft das nicht. Es bestätigt eher das Ergebnis einer Umfrage, die im Auftrag der Zeit durchgeführt wurde. Am 24.6.15 berichtete Zeit Online unter dem Titel „Deutsche haben wenig Vertrauen in die Medien“ darüber. Ergebnis: „ … Das Misstrauen gegenüber Medien in Deutschland ist groß – und es wächst. …“ Die häufigsten Kritikpunkte: Bewusste Fehlinformation, Einseitigkeit, handwerkliche Fehlleistungen wie etwa schlechte Recherchen …
Mag sein, dass Sie als Macher dieser Zeitung da kein Problem für sich sehen. Was aber hat dann über 400 Menschen in Bremerhaven dazu bewegt, diese Veranstaltung zu besuchen? Für mich als Abonnenten sehe ich da auf jeden Fall ein Problem. Kaum vorstellbar, dass ich damit alleine bin. Darum möchte ich mich auch mit anderen Menschen darüber austauschen.

 

Mit freundlichen Grüßen

Ingo Mittrowann“

KLEINE ANMERKUNG: Vor vielen Jahren – mancher mag sich erinnern – ist schon einmal ein Lokalchef der Nordsee-Zeitung rausgeworfen worden, nachdem er über eine Veranstaltung mit mehr als 400 Besuchern nicht berichtet hatte.

Aber das war wohl eine besondere Situation in den aufregenden Ozean-Park-Zeiten, die noch andere Hintergründe hatte…

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Die einseitige und in Teilen scharfmacherische Russland-Berichterstattung in der deutschen Medienlandschaft wurde >>>in der Seestadtpresse mehrfach angesprochen

 

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Die Nordsee-Zeitung kümmert sich – und zwar in der bekannten Art und Weise…

11. Februar 2015

Seestadtpresse Bremerhaven – „Wir kümmern uns“, kündigt die Nordsee-Zeitung in diesen Tagen allerorten an. Und worum kümmert sich die NZ-Redaktion als allererstes? Um den Schutz rasender Autofahrer!

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Zwar kommen in dem Text auch lärmgeplagte Anwohner der Straße An der Mühle sowie bedrängte Radfahrer vor.

Aber das größte Mundwerk darf ein mental übermotorisierter Landkreisbewohner haben, der auf dem Weg zur Arbeit ein paar Sekunden einsparen möchte. Er ist es auch, der den Akzent in der Überschrift setzt: „Was für ein Unsinn“.

Dass er dabei mit Unterstützung der Nordsee-Zeitung die dämlichsten Argumente anführt, soll nicht unerwähnt bleiben. Ein Beispiel für seine spezielle Art von „Argumenten“: Je schneller ein Autofahrer durch eine Straße fährt, desto eher ist es wieder ruhig. (Seine Formulierung klingt gebüldeter, aber das ändert nichts: „Die Verweildauer der Autos ist viel länger, wenn sie langsamer fahren.“)

Ein solches „Argument“ könnte eine Mindestgeschwindigkeit von 100 km/h in der Stadt begründen, wenn für besseren Lärmschutz gesorgt werden soll.

Ein netter Nebeneffekt des Tempo-30-Aufregers der Nordsee-Zeitung: Das Blatt kann wieder mit einer angehängten TED-Umfrage die eigene Tasche füllen. Wer leichtfertig seine Stimme abgibt, zahlt nämlich satte 50 Cent pro Anruf in die NZ-Kasse.

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Das war nach >>>einiger Kritik schon einmal anders: Da wurde dann von der Nordsee-Zeitung nach meinen Beobachtungen längere Zeit ein so hoher Betrag nur kassiert, wenn es sich um ein Gewinnspiel handelte (also wenn z.B. ein Buch oder eine Eintrittskarte verlost wurde).

Aber bereits >>>im vergangenen Sommer war die Nordsee-Zeitung wieder durch Geldschneiderei mit Hilfe von TED-Umfragen aufgefallen…


So setzen Zeitungen Akzente – Gegensätzliche Pegida-Einschätzung…

5. Februar 2015

Seestadtpresse Bremerhaven – Ein Politologe der TU Dresden hat laut Weser-Kurier vom 4. Februar 2015 „die bisher gründlichste Pegida-Studie vorgelegt“. Das Ergebnis laut WK: „Die… Bewegung besteht hauptsächlich aus ‚besorgten und empörten Gutwilligen‚.“ Die Nordsee-Zeitung setzt den Akzent auf derselben Informationsbasis ganz anders: „Viele Pegida-Anhänger extrem rechts“.

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Spiegelt sich in solchen geradezu gegensätzlichen Akzenten eigentlich eine politische Haltung der Redaktion?

Oder hängt es nur davon ab, welche politische Einstellung der jeweilige Redakteur zu dieser Problematik hat?

Oder ist die Wahrheit so biegsam, dass auch solche gegensätzlichen Darstellungen ohne Probleme zu rechtfertigen sind?

Eine denkbare Lehre: Leserinnen und Leser müssen in jedem Fall genau hinkucken, auf welche Figuren sie sich in unseren Medien jeweils verlassen sollen – und auf welche sie sich wirklich verlassen können.


Glaube, Liebe, Hoffnung – auch in der Wirtschaftsberichterstattung der Nordsee-Zeitung gerne thematisiert…

28. Januar 2015

Seestadtpresse Bremerhaven – „Positive Stimmung“, verbessertes „Konsumklima“ oder „Kauflaune“ – das alles sind Schlagworte, die in den darunter stehenden Texten fest verbunden sind mit Stichworten wie „erwarten“, „hoffen“, „könnte“, „dürfte“, „Prognose“ und ähnlichen Schwabbel-Begriffen.

Besonders ärgerlich ist es, wenn die Überschrift wie eine Feststellung von Tatsachen klingt und der dazu gehörige Text nichts als eine vollkommen unbewiesene (und unbeweisbare) Hoffnungs- und Erwartungs-Arie darstellt.

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Dieses Beispiel ist in der Nordsee-Zeitung vom 28. Januar 2015 auf Seite 1 (!) zu finden.

Ob auf diese Weise in der Wirtschafts-Berichterstattung unserer Medien ständig Stimmung gemacht wird statt kritisch und aufmerksam zu beobachten und zu analysieren, was gerade passiert? Das wurde >>>hier schon einmal aufgegriffen anlässlich des Berichts unter der kuriosen Überschrift „Trotz Kauflaune weniger Umsatz“

Warum wird nicht endlich einmal der Gedanke des Publizisten Karl Kraus ernst genommen, die Presse habe „als Arzt den Puls der kranken Zeit“ zu fühlen? Warum fehlen kritische Rückblicke auf die eigene Berichterstattung und die Einschätzungen der „Experten“?

Ist das alles nur Faulheit – oder hat das doch Methode?

 


Volker Heigenmoosers Offener Brief zum Jeanette-Schocken-Preis – Kritik an der Mutlosigkeit der Jury…

27. Januar 2015

Seestadtpresse Bremerhaven – Vermutlich hat die Nordsee-Zeitung in ihrer bekannten Sorgfalt längst über Volker Heigenmoosers Offenen Brief zum Jeanette-Schocken-Preis berichtet. Aber sicherheitshalber kommen hier auch noch einige Informationen über die von ihm geäußerte Kritik.

Die Kritik des Publizisten und Kritikers Volker Heigenmooser zielt nicht auf die Qualitäten des diesjährigen Preisträgers Gerhard Roth – im Gegenteil.

Ihm geht es um eine grundsätzliche Frage. Laut Statut verbindet der Preis nämlich „mit dem Bekenntnis zur verbotenen und verbrannten, zur unterdrückten und ausgegrenzten Literatur… die Ermutigung an alle schreibenden Künstler, deren Literatur für dieses Bekenntnis steht, und die deshalb selbst der Förderung, Hilfe oder Anerkennung bedürfen“.

Daher Heigenmoosers Frage: „Bedarf denn einer der angesehensten Autoren Österreichs tatsächlich einer solchen Ermutigung durch den Schocken-Preis?“

Gäbe es wirklich keine Alternativen beim Blick auf die sich „heute vor unseren Augen abspielenden Tragödien verfolgter Autorinnen und Autoren, die in unserem Land Zuflucht suchen und die zum Teil auf ästhetisch höchst ambitionierte Weise ihre Erfahrungen in Literatur übertragen“?

Im Folgenden kann der Brief vom 25. Januar 2015 in voller Länge nachgelesen werden – durch einen Klick auf den Link >>>Jury-Brief-1.

 


Nordsee-Zeitung trommelt wieder mit Prozentzahl-Rekorden – „Sagenhafte 346 Prozent“ beim Bremerhavener Güterumschlag…

27. Januar 2015

Seestadtpresse Bremerhaven – Man kennt das wunderliche Prozentzahl-Spiel: Da hat einer zwei Hühner und kauft sich acht dazu. Dann kann er protzen, er habe seinen Bestand um sagenhafte 400 Prozent gesteigert.

Die Nordsee-Zeitung versucht es am 27. Januar 2015 ebenso: „Keiner wächst schneller“, heißt es da: Der Bremerhavener Güterumschlag habe um „sagenhafte 346 Prozent“ zugelegt.

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Im Text wird größte Freude darüber geäußert, dass sich der gesamtdeutsche Güterumschlag in zwanzig Jahren seit 1993 verdoppelt habe, während er in Bremerhaven um „sagenhafte 346 Prozent“ zulegte – „ein Rekordwert an der deutschen Küste“, betont die Nordsee-Zeitung.

In Hamburg stieg der Umschlag im selben Zeitraum nur „um 99 Prozent“.

„Das ist weit weniger als in Bremerhaven“, schreibt die NZ und fügt dann etwas kleinlauter hinzu: „Allerdings brummt das Hafengeschäft in der der Elbmetropole auf höchstem Niveau.“

Genau das ist der Punkt: Wer sich die Zahlen im >>>Statistikbericht des Statistikamts Nord ansieht, erkennt leicht, warum die Nordsee-Zeitung nur mit den Prozentzahlen herumfummelt: Im ausgewählten Basisjahr 1993 betrug der Güterumschlag in Bremerhaven gerade mal 12,2 Millionen Tonnen, während der Güterumschlag in Hamburg mit 60,3 Millionen Tonnen fast fünf mal so hoch war.

Hamburg hat in diesen zwanzig Jahren den Güterumschlag um 60 Millionen Tonnen gesteigert. Das ist eine größere Zahl als die des heutigen Bremerhavener Gesamtumschlags (54,5 Millionen Tonnen). Oder anders gesagt: Schon vor zwanzig Jahren war der Hamburger Umschlag höher als der Bremerhavener Umschlag heute.

Und jeder weiß: Prozentuale Steigerungen klingen im Vergleich vom niedrigen Niveau aus stets besonders eindrucksvoll.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Das Wachstum des Bremerhavener Umschlags ist enorm und wird auch vom Statistikamt ausdrücklich erwähnt.

Aber die Beschränkung auf die grandiosen Prozentzahlen vernebelt doch den Blick ein wenig, wenn es um die tatsächlichen Zahlenverhältnisse geht…


Nordsee-Zeitung auf Rekordjagd – Wieder ist es der Hafen…

17. Januar 2015

Seestadtpresse Bremerhaven – Rekorde muss man feiern, wo sie zu finden sind – das scheint auch bei der Nordsee-Zeitung eine journalistische Grundüberzeugung zu sein. Das jüngste Beispiel stammt aus der Nordsee-Zeitung vom 16. Januar 2015:

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Für den Weser-Kurier war die Rekord-Meldung aus dem Bremerhavener Hafen erkennbar nicht ganz so wichtig. Sie sah am 17. Januar 2015 auf Seite 17 so aus:

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Wer nun aber meint, der Weser-Kurier könne keine Rekorde feiern, der irrt sich doch erheblich. Denn am 16. Januar 2015 wurde dort ebenfalls auf Seite 1 ein eigener Bremer Rekord gefeiert:

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So ist das, liebe Leute. Überall auf der Welt gibt es Rekorde, manchmal von der seltsamsten Art, wie ein bekanntes Buch der Rekorde regelmäßig vor Augen führt.

Man muss eben nur ganz genau hinkucken, sonst sieht man die Rekorde nicht so ohne weiteres…