Betreuung von Flüchtlingen: Wie die Leiterin des Bremerhavener Sozialamts mit Ehrenamtlichen umgeht…

26. Juli 2015

Seestadtpresse Bremerhaven – Der Umgang unserer Ämter mit Flüchtlingen ist bis heute durch die jahrelang praktizierte Abwehr- und Abschiebementalität geprägt.

Zweifellos ist in den vergangenen Jahren manches besser geworden, aber daran haben ehrenamtlich Engagierte einen großen Anteil. Ohne deren Engagement wäre nach meiner Einschätzung der hergebrachte Bürokraten-Schlendrian immer noch viel größer.

Ob das Bremerhavener Sozialamt diese Veränderungen in der deutschen Öffentlichkeit angemessen wahrgenommen hat, wird von manchen Beobachtern der Szenerie bezweifelt. Zur Illustration veröffentliche ich hier einen Briefwechsel.

Dieser Briefwechsel beginnt mit einem Appell ehrenamtlich Engagierter, noch mehr freiwillige Mitstreiter zu mobilisieren.

Es folgt eine knappe und sehr bürokratische Reaktion der Leiterin des hiesigen Sozialamts.

Den bisherigen Abschluss bildet meine zornige Antwort auf dieses bürokratische Schreiben.

Ich hoffe, dass damit das Ende des Liedes noch nicht erreicht ist.

(1) Appell der ehrenamtlich Engagierten (der Brief ist leicht gekürzt; Namen wurden weggelassen)

„Liebe Paten und Patinnen,
wir ersticken in Arbeit!!!
HILFE!!!
Die Flüchtlingsheime haben mir einen Notruf gesandt.
Rudloffstrasse und auch Rickmersstrasse kommen nicht mehr gegen ihre Arbeit an.
Wer dort aushelfen kann (Behördengänge, Begleitung zu Ärzten usw.) bitte schnell bei mir oder… melden.
Und bitte noch einmal bei mir melden, wer spontan Zeit hat.
Ich schaffe es auch nicht immer die Flüchtlinge zu Stäwog, Gewoba und Wohnungsbesichtigungen zu begleiten.
Auch bräuchten wir Hilfe im Familienzentrum. … hat oft nur noch mit Ausfüllen von Anträgen zu tun. Dienstag ist der  Tag an dem die Ämter nicht geöffnet haben und viele mit ihren Formularen zu ihr kommen.
Bitte melden!!! …
Wer bei Facebook ist, möge sich auch bei mir melden.
Dort gibt es eine Seite Flüchtlinge und Freunde Bremerhaven.
Viele Infos!!
Vielen Dank!
Viele Grüße von …“

(2) Die knappe Reaktion der Sozialamtsleiterin

„Sehr geehrte Damen und Herren,
die unten stehende Angabe, dass von Flüchtlingsheimen in Bremerhaven ein „Notruf gesandt“ worden sei, ist unzutreffend und die email vom heutigen Tage ohne Absprache und ohne Kenntnis des zuständigen Sozialamtes verfasst worden.
Die Mitarbeiter/innen in diesem Bereich nehmen die ihnen obliegenden Aufgaben in dem erforderlichen Umfang wahr.
Mit freundlichen Grüßen
Astrid Henriksen
Amtsleiterin“

(3) Mein Protest gegen diese Bürokratenantwort

Sehr geehrte Frau Henriksen,

vielleicht erinnern Sie sich an unser Zusammentreffen auf dem Balkon der Arbeitnehmerkammer während des diesjährigen Sommerfestes. Ich habe Sie in dem Gespräch gemeinsam mit einigen anderen Gästen als eine aufgeschlossene und lebendige Diskutantin erlebt, die mir zu dem angesprochenen Thema Flüchtlinge als interessierte und offene Vertreterin unserer Bürokratie erschien.

Jetzt kam mir der harsche Brief an Gisela Wiegel und ein paar Dutzend ehrenamtlich arbeitende Bremerhavenerinnen und Bremerhaven vor Augen, und ich bin erschüttert, dass ich Sie offensichtlich so falsch einschätzen konnte.

Jeder Mensch in unserer Stadt kann wissen, dass die Betreuung der zahlreichen Flüchtlinge ohne das ehrenamtliche Engagement absolut nicht zu bewältigen ist. Der von Ihnen kritisierte „Notruf“ spielt auf diese dramatische Situation an und zielt darauf ab, noch mehr Helferinnen und Helfer zu mobilisieren.

Statt von Amts wegen einen herzlichen Dank an die Unterstützer der Flüchtlinge zu übermitteln, kommt von Ihnen die völlig überflüssige Bürokratenversicherung, man habe wie immer alles sicher im Griff und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nähmen „die ihnen obliegenden Aufgaben in dem erforderlichen Umfang wahr“.

Nichts haben Sie von Amts wegen im wirklich erforderlichen Umfang im Griff – und das müssen Sie wissen, wenn Sie nicht mit geschlossenen Augen durch die Welt laufen.

Und wenn ehrenamtlich Engagierte eine Mitteilung „ohne Absprache und ohne Kenntnis des zuständigen Sozialamts“ verschicken, dann sollten Sie sich über soviel Selbständigkeit freuen, statt hohle bürokratische Selbst-Rechtfertigungen abzusondern.

Ich fordere Sie hiermit auf, sich bei dem Adressatenkreis für Ihre überflüssige und geradezu beleidigende Stellungnahme zu entschuldigen.

Und ich hoffe, dass der zuständige Stadtrat Klaus Rosche Sie endlich mit Nachdruck an Ihre Pflichten als Amtsleiterin im Umgang mit ehrenamtlich Engagierten erinnert. Daher geht diese e-Mail gleichzeitig an Klaus Rosche.

Gleichzeitig schicke ich diese Mail an Oberbürgermeister Melf Grantz, verbunden mit der Bitte, in dieser Angelegenheit intern klipp und klar Stellung zu beziehen.

Mit freundlichem Gruß

Detlef Kolze

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Die erfolgreiche Freiwilligenagentur soll in Bremerhaven abgeschaltet werden – Die große Koalition setzt kurioses Zeichen in Zeiten des Ehrenamtes…

23. Juli 2015

Seestadtpresse Bremerhaven – Durch das Sonntagsjournal konnte die Bremerhavener Öffentlichkeit erfahren, dass die große Koalition künftig kein Geld mehr für die Freiwilligenagentur bereitstellen möchte, während beispielsweise die beiden großen Sportvereine weiter mit Beträgen in Millionenhöhe gefördert werden. So steht es im Koalitionsvertrag.

In einer plattdeutschen Glosse im Weser-Kurier wird geargwöhnt, diese Entscheidung könne auch mit Kreisen in der SPD zusammenhängen, die auf ähnlichen Feldern aktiv sind und die sich eine Art von Konkurrenz vom Halse schaffen möchten.

Ich frage einfach mal, ob so etwas in einer Stadt wie Bremerhaven tatsächlich möglich ist, dass SPD-Leute sich aktiv dafür einsetzen, eine erfolgreich arbeitende soziale Einrichtung auf ehrenamtlicher Basis auszuschalten.

Und ich frage auch, ob ein solcher Beschluss in Zeiten des Lobpreisens ehrenamtlicher Arbeit tatsächlich Bestand haben darf.

Es folgt der Text, der am 23. Juli 2015 im Weser-Kurier erschienen ist.

Polit-Salaat

Annerletz weer de Oole to’n groote Fier inlaadt. De Arbeitnehmerkammer mook ehr Sommerfest in dat neeje Bowark in Bremerhaben. Direktemang an’t Water vun den Neejen Haben kunnen de Lüüd snacken un snabbeleeren, un se kunnen sik ook ’n paar Anspraken anhören.

Mehrstendeels is dat mit Anspraken bi so’n Fier ’n verdreihte Saak, dach de Oole. Allens töövt, dat se to Ennen sünd. Allens lengt na dat Vergnögen mit Eten un Drinken un Räsoneeren. Bi düsse Snackeree wannert veele Gedanken twischen de Minschenköpp hen un her. Un liekers höört de Anspraken to so’n Fier doorto. Se sett sowat as ’n Grundtoon un bringt Saken op ‚t Tapeet, de in düsse Tieden vun Bedüden sünd.

Dütmaal weer in de Anspraken een wichtigen Punkt, dat de Minschen bi uus beter in Arbeit bröcht ward. Door weern sik de klooken Lüüd eenig: Wi bruukt mehr Lüüd in Arbeit, eendoon of se bi uus groot worrn sünd or of se vun butenlands op de Flucht na Düütschland kamen sünd.

De Oole höör sik dat an un weer tofreden. Dat weer ook sien Meenen, dat veele Minschen Help bruukt op düssen Weg in Arbeit – villicht mehr Help as in fröhere Jahren. To’n Glück meldt sik middewielen veele Lüüd, de doorbi ut freeje Stücken helpen doot un de doorför keen Geld nich hebben wüllt. „Ehrenamtlich“ nöömt wi sowat.

Dat gifft bi düt ehrenamtliche Mitmoken bloots een Knütten: Dat mutt ’n Placken geben, woneem de Lüüd afsnacken köönt, woans se ehr Arbeit as Helperslüüd organiseeren wüllt. För so’n Kontoor mit Sekretariat or sowat – un bloots doorför – mutt Geld ut de allgemeene Kass kamen.

Tja, dach de Oole, un jüst door liggt oftins de Haas in’n Salaat, denn düsse Kassen sünd in de lesten Jahren vermuckt tosamen schrumpelt worrn. So gifft dat Striet üm dat Geld, denn wat de eenen Ehrenamtlichen kriegt, dat is för de annern nich mehr door.

So hett to’n Bispill in Bremerhaben de neeje groote Koalitschoon vun SPD un CDU dat Geld för de Freiwilligenagentur mit den grooten roden Pinsel wegstreken. In düsse Inrichtung rackert jüst de Minschen, de to’n Bispill junge Lüüd bi dat Lehren för ehr Utbilden helpen doot. De Oole hett höört, dat düt Wegstrieken woll Lüüd in de SPD topass keem. Se kunnen sik ’n „Konkurrenz“ vun’n Hals schaffen, denn se sünd ook op düt Flach in de Gangen. Un de Oole wüss: To glieke Tiet kriegt de beiden grooten Vereenen vun Eishockey un Basketball in jeedeen Jahr ’n Millionen-Euro-Bedrag ut de Stadtkass, un dat schall na den Willen vun de Koalitschoon eerstmaal ook so blieben.

Dat gifft jümmers Lüüd, de snackt veel rüm, grummel de Oole. Man wenn’t an’t Doon geiht, denn steiht dat Trechtmoken un Utstaffeeren vun den eegen Salaat wiet vörn.

Un de „Ehrenamtlichen“ un de Minschen, de Help bruukt? De bekiekt sik denn mit ’n Koppschüddeln düssen smeerigen Polit-Salaat un mookt ’n lange Nääs.

Sowat is’n Jammer, meen de Oole.