Bremerhaven als „soziale Stadt“? – Und wie passt dazu das exklusive Luxus-Wohnquartier am Neuen Hafen?


Seestadtpresse Bremerhaven – Das Bremerhavener Wohnquartier rund um die Scharnhorststraße wird aktuell durch eine kleine Ausstellung (Innenhof Bürger 175) in Verbindung mit zwei Veranstaltungen ins Licht gerückt – eine sehr lobenswerte Initiative der Städtischen Wohnungsgesellschaft (Stäwog) und des Stadtplanungsamts in Zusammenarbeit mit klugen Leuten wie dem Kunstvereinsvorsitzenden und Historiker Kai Kähler und dem Kunsthistoriker Uwe Schwartz. Auch die >>>Nordsee-Zeitung berichtete kürzlich darüber.

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Die Ausstellung lenkt den Blick auf eine ganze Reihe interessanter Aspekte der Bremerhavener Stadtentwicklung, von denen viele eine nähere Betrachtung verdienten.

Ich greife hier den Gedanken der menschenfreundlichen und sozial ausgleichenden Stadtentwicklung unter Federführung der Kommune heraus.

Sehr nachdrücklich weist Kai Kähler darauf hin, dass im Quartier Scharnhorststraße „in Bremerhaven erstmals die Ideale einer idealistisch, humanistisch geprägten Reformbewegung zum Tragen“ kamen, „die Anfang des 20. Jahrhunderts die Abkehr von den gesundheitsgefährdenden Mietshäusern der Kaiserzeit einleiteten“.

Und weiter: „Hier begann 1913 die öffentliche Auseinandersetzung um eine qualitative Verbesserung des lokalen Wohnraums.“

Und wie war das möglich? „Hier wirkte die Stadt Bremerhaven seit 1925 selbst als Bauträger und Initiator, Planungs- und Bewilligungsbehörde, Darlehnsgeber und Einrichtungsberater. Hier übernahm sie als eine der ersten und wenigen Städte in Deutschland in vorbildlicher Weise nicht nur politisch, sondern auch sozial die Verantwortung für eine zentrale Errungenschaft der jungen Weimarer Republik, das Grundrecht auf gesunden Wohnraum.“ (Hervorhebungen DK). Dieses Grundrecht war in der Verfassung festgeschrieben und zeigte hier seine positiven Folgen.

Bauordnung und Bebauungsplan seien „Ausdruck einer humanistischen Reformbewegung“ geworden, schreibt Kähler. Durch klare Regelungen habe die Stadt der „investorenfreundlichen, auf maximalen Gewinn ausgelegten Bauweise… ein Ende“ gesetzt. So sei ein „Wandel in der Architektur und im Städtebau“ auf den Weg gebracht worden.

Gegenwärtig ist die „soziale Stadt“ wieder zu einem drängenden Thema geworden, und so plant nun auch die SPD für den kommenden Dienstag (30. April 2012, 17 Uhr in der theo) eine Veranstaltung zu diesem „Ziel unserer Städtebaupolitik“ (!).

„Die SPD-Bundestagsfraktion setzt sich für eine ausgeglichene räumliche Entwicklung in den Städten und Gemeinden ein“, heißt es im Einladungsschreiben. Und weiter: „Die Stadtentwicklungspolitik muss auf den Wandel in den Städten, auf die zunehmende soziale Spaltung…reagieren.“ (Hervorhebungen DK)

Bemerkenswert finde ich in diesem Zusammenhang allerdings, dass in den vergangenen Jahren unter Federführung eines entschlossenen SPD-Oberbürgermeisters am Neuen Hafen geradezu ein Mahnmal der sozialen Spaltung unserer Stadt errichtet wurde, und zwar durch die öffentlich massiv geförderte Entwicklung eines exklusiven Luxusquartiers .

Solche städtebaulichen Aktivitäten charakterisierte jüngst der berühmte Architekt Hans Kollhoff (in einem anderen Zusammenhang) als Projekte, mit denen sich verarmte Kommunen gerne ins Rampenlicht katapultieren möchten.

Auf diese Weise solle mit großen und „auftrumpfenden Gesten der Selbstvermarktung“ von der Misere öffentlicher Haushalte abgelenkt werden. Getragen von der Hoffnung auf Teilhabe am „Aufmerksamkeitsgeschäft“ bekämen Politiker glänzende Augen, weil die Gelegenheiten zum Vorweisen physisch erfahrbarer Erfolge mittlerweile rar geworden seien.

Ab und zu halte ich ein paar Blicke und Rückblicke auf Zusammenhänge und Hintergründe für ganz hilfreich, weil dadurch Fehlentwicklungen in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit in den Blick geraten können.

Der Mensch vergisst und übersieht sonst so vieles…

Hinweis: Die Ausstellung „Erhaltungsgebiet Scharnhorststraße. Eine Ausstellung zur Geschichte und Zukunft des Quartiers“ ist im „Haus im Hof“ in der Bürgermeister-Smidt-Straße 175 jeweils dienstags von 15 bis 18 Uhr und donnerstags von 18 bis 21 Uhr zu besichtigen. Letzter Besichtigungstag ist der 16. Mai 2012. Weitere Informationen bietet das >>>Stadtplanungsamt an.

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