Fußball-Europameisterschaft: Ein Wort zur Erhellung von Günther Anders…


Seestadtpresse Bremerhaven – Wenn Fußball-Nationalmannschaften gegeneinander spielen, sind denkwürdige Beobachtungen zu machen. Da kann eine Mannschaft in ihrem Spiel rumpeln und pumpeln und sich mühsam zu einem siegähnlichen Abschluss duseln, und trotzdem begeistern sich die Zuschauer über einen solchen mühsamen und fast peinlichen Sieg der eigenen Mannschaft.

Der großartige Philosoph Günther Anders hat diese kuriosen Seelenvorgänge im Zuschauerraum einmal in seiner Fabel „Solidarität“ beleuchtet (aus „Der Blick vom Turm“).

In dieser Fabel geht es um die Olympiade der beiden Städte Molussien und Penx, die stets ein ganz besonderes Abschlussereignis hatte: Nach allen Turnieren kämpften nämlich noch die beiden verrufensten Gewaltverbrecher beider Städte gegeneinander. Da ging es um Leben oder Tod, denn wer den anderen umgebracht hatte, wurde als Sieger begnadigt. Die Grausamkeit dieser leidenschaftlichen Kämpfe war furchtbar, wie man sich vorstellen kann.

Das Denkwürdigste geschah aber im Zuschauerraum, schreibt Günther Anders: „Kaum hatten nämlich die Zwei, die gestern noch von ihren Mitbürgern als die Schandsöhne ihrer Städte verabscheut worden waren, und die, hätten sie nicht für das Fest aufgespart werden müssen, längst schon hingerichtet worden wären – kaum hatten die Zwei die Arena betreten, als die Stimmung total umschlug. Plötzlich waren sie nämlich die Söhne ihrer Städte, nein, geradezu deren Verkörperungen.“

Und weiter: „Mit ohrenbetäubendem Jubel begrüßten die Molussier ihren Verbrecher, die Penxer den ihren.“

Und da die siegreichen Verbrecher in ihrer Stadt hinterher frenetisch gefeiert wurden, war eine Vermutung nicht von der Hand zu weisen: Das Gerücht behauptete, dass die Statue des heiligen Erzvaters von Penx, die noch in jedem Jahr bekränzt wurde, „niemand anderen darstelle als den ersten Massenmörder der Stadt, der aus dem ersten dieser Zweikämpfe siegreich hervorgegangen sei“.

So sind die Menschen offensichtlich stets stolz auf die Ihren, wer immer es auch sei…

Eine Antwort zu Fußball-Europameisterschaft: Ein Wort zur Erhellung von Günther Anders…

  1. Peter Meyer sagt:

    Brot und Spiele.
    Der Politik kann momentan nichts besseres passieren, denn so wird wunderbar von den Problemen, die wir zweifellos haben, abgelenkt.
    Bei solchen Veranstaltungen kann man auch sehr schön beobachten, wie die Menschen ihren Patriotismus entdecken, und den auch noch für etwas, was so unwichtig ist, wie nichts anderes.

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