Radfahrer im Straßenverkehr werden in unseren Medien gerne dämonisiert und von Opfern zu Tätern gemacht…


Seestadtpresse Bremerhaven – Wer sich mit dem Fahrrad am Straßenverkehr beteiligt, wird in unseren Medien oft mit eigenartigen Brillen betrachtet. Das dürfte im Kern daher kommen, dass die Sichtweisen motorisierter Verkehrsteilnehmer immer noch die Zentralperspektive für die Darstellung aller Verkehrsprobleme darstellen.

Rücksichtslosigkeiten in Fußgängerzonen (und die gibt es selbstverständlich!) werden beispielsweise aktuell gerade wieder unter dem Schlagwort „Kampfradler“ zu einem Riesenproblem aufgeblasen – als läge dort die hauptsächliche Gefährdung für Verkehrsteilnehmer.

Interessant finde ich eine aktuelle Dekra-Analysefür die Stadt Berlin (eine Konzentration auf Städte scheint mir wichtig zu sein, weil Gesamtzahlen für den bundesweiten Verkehr täuschen – schließlich sind auf Autobahnen nur sehr selten Fußgänger und Radfahrer unterwegs!).

Die >>>Berliner Morgenpost berichtete darüber am 13. April 2012 unter der Schlagzeile „Fußgänger und Radfahrer leben in Berlin gefährlich“. Der Kernpunkt dieser Berichterstattung: „Besonders Fußgänger und Radfahrer leben demnach auf den Straßen Berlins gefährlich. Mehr als jeder zweite 2011 im städtischen Straßenverkehr Getötete sei zu Fuß (53,7 Prozent), etwa jeder fünfte mit dem Fahrrad unterwegs gewesen (20,4 Prozent). Nur 3,7 Prozent der Todesopfer waren Auto-Insassen.“

Die >>>Dekra selbst spricht mit Blick auf Berlin von einem „großen Nachholbedarf, was die Rücksicht den schwächeren Verkehrsteilnehmern gegenüber angeht“.

Von Seestadtpresse-Lesern kritisiert wird in diesem Zusammenhang immer wieder auch die Art der Berichterstattung in der Nordsee-Zeitung. Ihm fallen „regelmäßig die schlechten Artikel in der NZ zum Thema Fahrrad und Verkehr auf“, heißt es in einer Zuschrift. Geradezu verärgert sei er nach einem Blick in die Nordsee-Zeitung vom 29. März 2012 gewesen. Dort seien in einem Interview von zehn Fragen sieben falsch oder unzureichend beantwortet worden.

Dieser Leser verweist auf die Darstellung auf einer Seite der Stiftung Warentest, die nach seiner Kenntnis korrekt ist. >>>„Irrtümer rund ums Radfahren – Diese Regeln gelten wirklich“ lautet dort die Überschrift.

Für Bremerhaven als „Klimastadt“ sollte übrigens die korrekte und  zukunftstaugliche Betrachtung des Verkehrs eine besondere Rolle spielen. Das gilt in ganz besonderem Maße, wenn es die „klimafreundlichen“ Verkehrsarten wie Radfahren und Zu-Fuß-Gehen betrifft.

Positiv anzumerken ist daher, dass die Nordsee-Zeitung in ihrer Ausgabe vom 16. April 2012 in der unangenehm aufgeplusterten „Kampfradler“-Initiative des CSU-Verkehrsministers einen sehr gemäßigten Kommentar abdruckt. „Einen Gang runterschalten“, fordert der Kommentator und stellt fest: „Klar, es gibt Radel-Rowdys.“ Aber er fügt richtigerweise hinzu „ebenso übrigens wie rücksichtslose Autofahrer, Motorradfahrer und Fußgänger“.

Wie die Unfallstatitistik zeigt, sind die motorisierten Verkehrsteilnehmer jedenfalls erheblich gefährlicher für ihre Mitmenschen als Fußgänger und Radfahrer.
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5 Responses to Radfahrer im Straßenverkehr werden in unseren Medien gerne dämonisiert und von Opfern zu Tätern gemacht…

  1. Conny Wischhusen sagt:

    Nicht nur in der Presse , sondern auch in der „Fußgängernschaft“ und bei den Autofahrern sind Radfahrer oft völlig zu Unrecht ein „rotes Tuch“. Woran das genau liegt kann ich nicht sagen, aber manchmal reicht schon ein Klingeln aus, um den Fußgänger zu verärgern. Auch Autofahrer meinen, sie hätten die Straßen für sich gebucht und auch die Regeln könnten sie für sich so auslegen wie es ihnen passt (besonders in Nebenstraßen und 30-Zonen). Da ich sehr viel mit dem Rad unterwegs bin habe ich mir angewöhnt mit allem zu rechnen. Schade eigentlich, denn Radfahren ist immer noch umweltfreundlicher und gesünder als Autofahren!

  2. Christian Peters sagt:

    Aufgrund der sehr schlechten Infrastruktur können Fußgänger oft nicht erkennen, dass sie auf Radwegen herumlaufen. Einige reagieren auf das Klingeln dann verstört, weil sie sich vermutlich zu Unrecht kritisiert sehen.
    Das Bild der Radfahrer, welches noch vor einigen Jahren in der Presse gezeichnet wurde, war das des schutzbedürftigen Exoten. Damals fuhren nur rel. wenig Menschen hier mit dem Fahrrad und so konnte man (Autofahrer, Fußgänger) sich diese großherzige Einstellung leisten. Mitlerweile fahren sehr viel mehr Menschen mit dem Fahrrad und alle stellen fest, dass die Städte auf dieses Verkehrsmittel nicht eingestellt sind. Das jahrzehntelange Ignorieren des Radverkehrs und seiner Bedürfnisse rächt sich jetzt indem die jetzigen Autofahrer ihre Privilegien gegen die Radfahrer (z. B. Fahrbahnbenutzung) verteidigen wollen. Dieser Kampf um die Privilegien schlägt sich in vielen Medien wider. Bestes Beispiel ist Herr Ramsauer, der in alter CSU-Tradition (Auto- und Trinker-Partei), keine Gelegenheit ausläßt, Radfahrer als Kriminelle darzustellen.

  3. Peter Meyer sagt:

    Ich glaube, dass das Problem ein ganz anderes ist. Es sind alle am Straßenverkehr teilnehmenden, die sich benehmen, als würde ihnen die Straße gehören.
    Es ist jeden Tag zu beobachten, wie Leute die Straßen überqueren, obwohl ein paar Meter weiter eine Ampel ist. Es ist jeden Tag zu beobachten, dass Radfahrer auf der falschen Seite fahren, oder Ampeln schlicht ignorieren. Es ist jeden Tag zu beobachten, dass Autofahrer aus purem Egoismus Einmündungen zufahren, damit ein aus der Seitenstraße kommender bloß nicht in eine Straße einbiegen kann, obwohl man nur lächerliche fünf oder sechs Meter weiter vorne steht. Oder die Unfähigkeit das Reißverschlussverfahren anzuwenden, wenn eine Baustelle kommt.
    Oder die Unfähigkeit einen Parkplatz vernünftig zu benutzen.
    Das hängt meiner Meinung nach mit dem anerzogenen, nicht vorhandenem Unrechtbewusstsein zusammen.

  4. Conny Wischhusen sagt:

    Wahrscheinlich stimmt alles ein bisschen. Jeder hat etwas „Schuld“ an allem. Wir sind ja alle keine Engel, aber viele haben dieses Bewusstsein nicht. Und in den Medien wird der Hass gezüchtet.und geschürt. Die brauchen „Stoff“ und schreiben ihn so dass er Aufsehen erregt. Und wie löst man nun dies Problem??

  5. Peter Meyer sagt:

    Es ist im Grunde ganz einfach. So lange hier jeder denkt, dass sein Tun keinerlei Konsequenz nach sich zieht, löst man dieses und andere Probleme nicht.
    Die Gesetze sind doch eindeutig, was Strafen anbelangt, angewandt werden sie trotzdem nicht. Die „Richtigen“ werden sowieso nicht erwischt, und wenn, dann schaltet man eben einen Rechtsverdreher ein und das Verfahren wird eingestellt.
    Das liegt nach meiner Meinung aber auch daran, dass keiner die „Eier“ hat, etwas zu ändern.
    Ja, ja es ist natürlich auch kein Personal da. Immer die gleiche Leier.
    Allein, wenn ich für jeden, der am Steuer telefoniert, egal ob im Auto oder auf dem Fahrrad, einen Euro bekomme, bräuchte ich mir keine Gedanken mehr zu machen.
    Diese Leute sch…en ganz einfach auf unsere Gesetze, und die Politik schaut zu.

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