Nobelpreisträger Günter Grass warnt vor der gefährlichen Politik Netanjahu-Israels und löst die bekannten Reflexe aus – Ein Lehrstück über deutschen Journalismus…


Seestadtpresse Bremerhaven – Die heftigen verbalen Breitseiten gegen den Nobelpreisträger Günter Grass ermöglichen interessante Einblicke in das Tunnelblick-System deutscher Kommentatoren und Feuilletonisten.

Der Anlass ist bekannt: Grass formulierte unter der Überschrift >>>„Was gesagt werden muss“ eine im Ton zurückhaltende, aber unmissverständliche Kritik an der israelischen Politik, die mittlerweile seit vielen Jahren unter der Regie des reaktionären Regierungschefs Benjamin Netanjahu steht. Mit in diesem israelischen Regierungsboot sind Leute, die politisch noch weiter rechts stehen und teilweise offen rassistische Auffassungen vertreten.

Die Politik dieser Regierung steht in der Kritik. Es geht nicht um Israel und schon gar nicht um „die Juden“. Es geht um die reaktionäre und gefährliche Politik der Netanjahu-Regierung.

Diese Politik „Netanjahu-Israels“ ist gekennzeichnet durch durch eine brutale und schikanöse Besatzungspolitik, die sich nicht einen Deut um internationales Recht kümmert. Außerdem verfügt dieses Netanjahu-Israel über Atombomben und verweigert sich jeder Art der internationalen Kontrolle, wie sie von allen anderen Atommächten und Möchtegernatommächten stets eingefordert wird.

Die aus dieser politischen Konstellation folgenden Gefahren für Israel, den Iran und die Weltpolitik hat Günter Grass zum Thema gemacht – auf vollkommen vernünftige und sachliche Art und Weise. Der Publizist Alfred Grosser hat das jüngst noch einmal >>>in der Süddeutschen Zeitung (10. April 2012) erläutert. Überschrift: „Grass hat etwas Vernünftiges gesagt“.

Wer sich über die Politik dieser rechtsradikalen israelischen Regierung informieren will, wird in deutschen Medien in der Regel sehr schlecht bedient. Ich empfehle daher beispielsweise die Lektüre von Kommentaren in der israelischen Tageszeitung >>>Haaretz, der Kommentare >>>Uri Avnerys oder der Webseite >>>„Jews for Justice for Palestinians“.

Jeder kann wissen, dass die von der israelischen Netanjahu-Regierung permanent unter Dampf gehaltene Debatte über einen Angriff auf den Iran nicht nur der realen Gefahr einer iranischen Atombombe gilt, sondern auch der Ablenkung von der bedrohlichen Besatzungspolitik Israels und seiner rücksichtslosen Außenpolitik. Warnungen über „The False Debate About Attacking Iran“ (so ein Kommentar von Nicholas D. Kristof >>>in der New York Times vom 25. März 2012) gibt es bei halbwegs kritischen Autoren immer wieder.

Politische Stellungnahmen, in denen vor dieser auch für Israel selbst höchst gefährlichen Politik gewarnt wird, tauchen in den deutschen Medien oft überhaupt nicht auf. Ein Beispiel dafür ist ein überraschend deutlicher und kritischer >>>Brief früherer europäischer Spitzenpolitiker, der am 2. Dezember 2010 veröffentlicht wurde. Zu den Unterzeichnern gehörten u.a. Richard von Weizsäcker, Romano Prodi und Helmut Schmidt. Dieser Brief ist bis heute in deutschen Medien fast unbeachtet geblieben. Wer Informationen darüber wollte, musste in ausländischen Medien suchen, beispielsweise >>>hier im schweizerischen Blatt „20 Minuten“.

Günter Grass hat mit Sicherheit nicht alle Antworten gegeben, aber er hat eine dringend notwendige Öffnung der politischen Diskussion über die Politik Netanjyhu-Israels angestoßen. Dafür ist er zu loben.

Tunnelblick-Denkweisen und Denkblockaden helfen niemandem, auch nicht der israelischen Bevölkerung.

Nachträgliche Anmerkung: Interessant finde ich einen Beitrag von >>>Moshe Zuckermann in der taz vom 10. April 2012. Zuckermann weist u.a. darauf hin, dass sich alle bedenkenlosen Netanjahu-Israel-Verteidiger in ein Boot mit sehr bedenklichen Bootsinsassen begeben: „Man befindet sich nämlich in einem Boot mit faschistischen Siedlern in den von Israel besetzten Gebieten, die sich der Unterstützung seitens der reaktionärsten islamophoben Kräfte in Europa und den USA erfreuen dürfen; mit israelischen Alltagsrassisten, die jede Verurteilung ihres menschenverachtenden Denkens und Handelns ‚von außen‘ mit dem Antisemitismus-Vorwurf parieren; mit dem gegenwärtigen Premierminister Israels, der wie wenige in letzter Zeit dazu beigetragen hat, die Schoah-Erinnerung instrumentalisierend zu besudeln, um seine Okkupationspolitik umso ungehinderter betreiben zu können; mit Ariel Scharon, einem seiner Vorgänger, der schon vor Jahren postulieren zu dürfen meinte, dass alle aus Europa kommende Kritik an der von ihm mit besonders schädlicher Emphase betriebenen Siedlungspolitik im Westjordanland zwangsläufig antisemitisch sei.“

Vor diesem Hintergrund warnt Zuckermann vor einer Banalisierung des Begriffs „Antisemitismus“, der nur noch umstandslos diffamiert und dadurch jeglichen analytischen Wert verliert. Das schadet der Bekämpfung des tatsächlich noch vorhandenen Antisemitismus.

Zweite Anmerkung: Im jüngsten Rundschreiben vom medico international (Ausgabe 1/12) findet sich ein winzig kleines und gerade unspektakuläres Beispiel für das Verhalten israelischer Behörden gegenüber den Bewohnern der besetzten Gebiete.

Es geht um ein Projekt zur Stromversorgung, das auch von der Bundesregierung finanziell unterstützt wurde. Jetzt fordern die israelischen Behörden den Abriss dieser Anlagen. Alles das geschieht in direkter Nachbarschaft zu den wachsenden und gut ausgestatteten illegalen Siedlungen.

Der Bericht kann auf der >>>Webseite von medico international nachgelesen werden. Über die Problematik berichtete die britische Tageszeitung „The Guardian“ bereits >>>in der Ausgabe vom 14. März 2012. In dem Blog „Opinio Juris“ berichtet >>>Kevin Jon Heller über persönliche Beobachtungen in diesem Zusammenhang.

Dritte Anmerkung: Hier ein Beispiel, wie in den besetzten Gebieten mit pro-palästinensischen Demonstranten umgegangen wird. Man kann einmal nachsehen, in welchen deutschen Medien solche Beispiele wenigstens mitgeteilt werden. Die israelische Zeitung Haaretz berichtete darüber >>>am 16. April 2012.

Auch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) wird über den Vorfall >>>unter dem Datum 16. April 2012 informiert. Der Spiegel hat später ebenfalls nachgezogen – noch unter dem Datum 16. April 2012. Allerdings ist der Beitrag auf der Webseite nicht zu entdecken; es geht nur über die Suchmaske. Auf der Webseite der Süddeutschen Zeitung konnte ich keinerlei Berichterstattung aufspüren.

Vierte Anmerkung: Der >>>Willy-Brandt-Kreis hat eine sehr abgewogene >>>Stellungnahme zur Diskussion über den Grass-Text zu Israel und Iran abgegeben. Zu den Unterzeichnern gehören beispielsweise Egon Bahr und Klaus Staeck. Wer diese Erklärung in unseren deutschen Medien nachlesen möchte, kann ja mal ein bisschen suchen… Süddeutsche Zeitung, FAZ, Spiegel, Stern… – Fehlanzeige. Die Berliner Tageszeitung Neues Deutschland informierte >>>am 18. April 2012 ordnungsgemäß über den Text.

Irgendwie merkwürdig das Ganze.

2 Antworten zu Nobelpreisträger Günter Grass warnt vor der gefährlichen Politik Netanjahu-Israels und löst die bekannten Reflexe aus – Ein Lehrstück über deutschen Journalismus…

  1. Peter Meyer sagt:

    Danke für den Beitrag, aber die von Ihnen angeführten Tunnelblick-Denkweisen sind doch schon seit Jahren gewollt bzw. durch die Medien gefördert.
    Staatlich begünstigte Volksverblödung.
    Schade nur, dass die Menschen es nicht begreifen oder begreifen wollen, aber der Tag wird zwangsläufig kommen und dann wird das Erwachen nur umso schlimmer.

  2. UWE JÜRGENSEN sagt:

    Ungeachtet der politischen Bewertung des Grass-Gedichts kommt Günter Grass das große Verdienst zu, sozusagen das Eis gebrochen zu haben. Die wohlbekannte Antisemitismus-Keule ist zwar vielfach mit der üblichen Vehemenz auf ihn heruntergesaust, dennoch ist diesesmal auch eine kleine, aber doch nennenswerte Gegenbewegung erkennbar. Die Existenz der Keule wurde mehrfach klar benannt und deren Instrumentalisierung deutlich kritisiert. Hochrangige Journalisten, Kirchenvertreter und Politiker wagten sich hier mutig hervor und trauten sich, den teilweise hasserfüllten Kommentaren und unverschämten Forderungen deutscher und israelischer Keulenschwinger klar entgegen zu treten (Alfred Grosser, Manfred Kock, Wolfgang Thierse, das schwedische Nobelpreis-Komitee). Das gab es in dieser Form bisher noch nicht. Wie sich dies weiterentwickelt, kann man natürlich nicht vorhersehen, es lässt einen jedoch etwas optimistischer in die Zukunft blicken.

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