Seestadtpresse Bremerhaven – Wer Geschichten erzählt, braucht dafür einen Faden, an dem sich das Geschehen entlang rankt. Es mag sein, dass dieser Faden erst ganz am Ende des Erzählens deutlicher erkennbar wird. Aber immer gibt es einen Kern der Erzählung, der im Laufe des Vorgangs aufgeblättert wird.
In Geschichte und Politik funktioniert das nicht anders. In jüngster Zeit ist dafür der Begriff der “großen Erzählung” in Mode gekommen – ein Begriff, der jedenfalls anschaulich macht, wie politische Meinungsbildung einschließlich der Erinnerung an vergangene Ereignisse funktioniert.
“Politisches Handeln, das mehr sein will als bloßes Hantieren an den Stellschrauben des Systems, muss narrativ eingebettet sein”, schreibt Herfried Münkler in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 10. August 2010. “Es muss sich als Schritt in einem langfristigen Projekt erklären können.”
Da ist er wieder, der Faden (oder der Kern) eines Geschehens, der eine Kette von Ursachen und Wirkungen herstellt. Der das Handeln von Personen und Institutionen mit dem Geschehen verknüpft. Und der Gefühle und Einstellungen der Menschen beeinflusst. Münkler nennt so etwas daher auch “eine grundlegende Orientierungserzählung”.
Münkler: “Die großen Erzählungen wirken langsam, aber langfristig. Sie modellieren den Erwartungshorizont der Menschen.”
Dieser Erwartungshorizont spielt in der Politik eine entscheidende Rolle.
Der Erwartungshorizont der Menschen entsteht nicht im Selbstlauf. Er ist die Folge der vielen Basteleien großer Akteure an einer “großen Erzählung”. Lobbyeinrichtungen, Verbände und Medien sind aus diesem Kreis der großen Einflüsterer und Erzähler nicht wegzudenken.
Mensch braucht sich nur in Erinnerung zu rufen, wie in unseren Köpfen beispielsweise der Staat mit seiner Bürokratie zum Haupthindernis für das Aufblühen der Wirtschaft “gemacht” wurde und wie umgekehrt das Abbauen wirtschaftlicher Regulierungen unsere Zukunftsaussichten angeblich verbessern sollte.
Obwohl die Wirklichkeit zeigt, dass das Gegenteil dieser “großen Erzählung” richtig ist, verblassen die in die Köpfe getrommelten Bilder nur sehr langsam, zumal einflussreiche Mächte weiterhin ihre gedanklichen Nebelfelder verbreiten.
Wer das politische Geschehen mit offenen Augen betrachtet, findet allerorten dieses professionell organisierte Zurechtschrapeln der Gedankenwelten in unseren Köpfen.
Wer ein Beispiel für das Durchleuchten solcher Erzählungen im Interesse herrschender Mächte lesen möchte, kann durch einen Klick an dieser Stelle zu einer sehr erhellenden Studie der amerikanischen Autorin Frances Fox Piven gelangen. Dort wird aufgeblättert, wie hinter den Nebelschleiern des “Krieges gegen Drogen” (“war on drugs”) in den USA die ohnehin nicht besonders üppigen sozialstaatlichen Errungenschaften begonnen und dann Schritt für Schritt immer weiter eingeschränkt wurden.
Am Ende stand eine Politik, die unter anderem für eine grundlegende Neuverteilung der Steuerbelastung führte, zur Einschränkung öffentlicher Dienstleistungen, zu Einkommenskürzungen, zur Schwächung der Gewerkschaften und zur Deregulierung in der Wirtschaft (“policies that led to a massive redistribution of the burden of taxation, the cannibalization of government services through privatization, wage cuts and enfeebled unions, and the deregulation of business, banks, and financial institutions”).
Auch unsere Köpfe sind voll von Elementen dieser “großen Erzählung”.
Letzten Endes macht sie es möglich, die Grausamkeiten für die unteren Schichten der Gesellschaft zu rechtfertigen, während sich die Oberschichten immer schamloser bereichern dürfen.